MoM Prothesen: Metallabrieb im Knochen nachgewiesen

Nach langem Leidensweg landete die Patientin mit ihrer künstlichen Hüfte bei Professor Carsten Perka in der Charité in Berlin. Seit der Implantation eines MoM Hüftprothesenmodells hatten sich die Schmerzen in der operierten Hüfte rasch verschlimmert. Und kein Arzt konnte sich ihren schlechten Gesundheitszustand erklären.

Die erste Vermutung von Prof. Perka war, dass die Hüftgelenkspfanne zu steil  eingebaut worden sei und deshalb übermäßiger Abrieb des Pfanneneinsatzes aus Kunststoff entstanden sei. Er empfahl eine Austausch-Operation. Doch während der Operation wurde eine große Menge an Metallpartikeln gefunden. Und das Knochenmaterial war stark unterversorgt, blutete sehr wenig und schien nicht lebensfähig. Prof. Perka entnahm eine Probe des Knochens und gab sie an  die Forschungsgruppe um Sven Geißler, Biotechnologe, Charité Universitätsmedizin Berlin zur Untersuchung. Die Analyse des Knochenmaterials erfolgte in Grenoble. Dort steht ein Teilchenbeschleuniger, in dem eine reine, fokussierte Röntgenstrahlung erzeugt werden kann. Durch eine solche Analyse kann festgestellt werden

  • ob Metallabrieb vorhanden ist oder nicht
  • wo sich der Metallabrieb befindet.

Bei der Prothese der betroffenen Patientin gab es zu den 4 Bestandteilen einer “normalen” Hüftprothese zusätzlich noch ein Zwischenstück aus Metall. Die Teile unterschieden sich im Material: das eine war aus Titan, das andere aus Chrom und Kobalt. Auf Grund der unterschiedlichen Metalle kann es deshalb nach Prof. Perka zu Korrosion kommen. Das heißt, es kommt im Körper zu einer (elektro-)chemischen Reaktion zwischen dem Teil aus Titan und dem aus Chrom/Kobalt, ähnlich wie bei einer Batterie. Diese Reaktion führt zu Korrosion und somit letztendlich zum Abrieb von Metallionen, die sich dann im Blut, Gewebe und Knochen einlagern und dort nachweisbar sind.

Bisher waren die meisten Ärzte der Auffassung, dass der Körper die Prothese und damit auch die entstehenden Metallpartikel mit Gewebe abkapselt. Doch wenn man sich wie Prof. Perka intensiver mit den Zusammenhängen von Metallabrieb und unerklärlichen Gesundheitsproblemen bei einer MoM Hüft-TEP befasst, kommt man zum Ergebnis, dass die Metallpartikel nicht eingekapselt und somit isoliert werden! Denn nachgewiesen wurden durch die Untersuchungen an der Charité Metallpartikel nun nicht nur in hoher Konzentration im Blut oder Urin, sondern auch im Gewebe. Abrieb wurde darüber hinaus erstmalig auch in erheblichen Mengen im Knochen nachgewiesen.

Wenn die Hersteller von MoM Großkopf Hüftprothesen die bereits damals bekannten Warnungen ernst genommen und entsprechende Test und Untersuchungen, wie sie jetzt viel zu spät vorgenommen werden, vor Markteinführung ihres neuen Prothesenmodells durchgeführt hätten, wäre vielen Patienten großes Leid und Schmerzen erspart geblieben. Die Fragen lagen alle damals schon auf dem Tisch, die erforderlichen Untersuchungen zur Abklärung der Risiken waren bekannt und verfügbar.

Bei der betroffenen Patientin hat die Korrosion zwischen den verschiedenen Metallen ihrer Hüftprothese zu einer chronischen Entzündung des Hüftgelenks geführt. Auch der Knochen wurde stark geschädigt, seine Versorgung nahezu vollständig unterbunden. Das erklärt, dass der Knochen bei der Austausch-OP kaum blutete. Prof. Perka: „Er war zwar nicht tot, konnte sich aber nicht mehr regenerieren. Eine völlig veränderte Biologie durch den lokalen Abrieb.“

Über die Auswirkungen des Metallabriebs auf Gehirn, Leber, Ausscheidungsorgane oder Lunge liegen den Ärzte noch keine validen Erkenntnisse vor. Ein Interesse, solche Untersuchungen durchzuführen und zu finanzieren, besteht bei potenziellen Geldgebern nicht. Bisher kann über das Blut nur nachgewiesen werden, in welcher Konzentration Metallionen im Körper freigesetzt werden. Wieviel Metallabrieb jedoch beim einzelnen Patienten genau freigesetzt wird und wie der Körper darauf reagiert, ist individuell verschieden.

Metallionenfreisetzungen von künstlichen Prothesen und deren Folgen sind bis heute ein wenig beachtetes Phänomen. Aber solange nicht ausgeschlossen werden kann, dass der durch Metall-auf-Metall Prothesen entstehende Metallabrieb schädlich ist oder aber sicher gestellt ist, dass die Auswirkungen medizinisch beherrschbar sind, dürften diese Prothesen nach Auffassung der SHG nicht mehr verwendet werden. Die zuständigen Aufsichts- und Kontrollbehörden sind deshalb aufgefordert, die Nutzung bis zur Klärung der Zusammenhänge zu untersagen.

Dass die offenen Fragen und die eindeutigen Hinweise auf die Risiken von den Herstellern wie Zimmer oder DePuy vor Markteinführung ihrer Durom bzw. ASR Hüftprothesenmodelle ignoriert wurden, beweist die Priorisierung wirtschaftlicher Interessen und die Geringschätzung der  Patientensicherheit. Denn die notwendigen Tests hätten vor Markteinführung durchgeführt werden können . Dann wären die “Menschenversuche” mit den Prothesen an nichtsahnenden Patienten überflüssig gewesen. Dass die Auswirkungen von Metallabrieb auf den Menschen aber auch heute immer noch nicht flächendeckend und systematisch erforscht werden, zu gleicher Zeit aber immer noch MoM Großkopfprothesen verwendet werden, ist ein Skandal!

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