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Metallabrieb im Knochen

Metallabrieb wurde nun auch im Knochen von Patienten festgestellt. Der giftige und krebserregende breitet sich im ganzen Körper aus.

OLG verhandelt Durom-Prothese

Thoma, J.

RA-Kanzlei lübbert rechtsanwälte partnerschaft mbb

./.

Zimmer Biomet Deutschland GmbH u.a.

RA-Kanzlei Linklaters LLP

wg. Schadensersatzes u.a.

14 U 171/18

 

Haupttermin

VRiOLG Dr. Walter

Ri’inOLG Dr. Bauer

RiOLG Wetter

Anwesend als vom Gericht geladene Sachverständige:

Groß-Kugelkopf mit Konusadapter

§  Prof. Dr. Mittelmeier

§  Dr.-Ing. Klüß

§  Prof. Dr. Kretzer

Anwesend von Klägerseite:

§  RA Dr. Berst-Frediani

§  RA Dr. Liebold

§  Kläger Jürgen Thoma

§  Im Publikum: ca. 30 Betroffene, RA Melcher

Anwesend von Streitverkündeter:

§  RA Dr. Fingerle

§  Dr. Rütschi

§  Dr. Häussler

Anwesend von Beklagtenseite:

§  RA Dr. Bellinghausen

§  RAin Krausse

§  Prof. Mutschler, Korrosionsexperte (Aussage Prof. Mutschler)

§  Prof. Dr. Nikolaus Böhler, Universitätsklinikum Linz, Vorstandsmitglied der Europäischen Gesellschaft für Orthopädie und Traumatologie (EFORT)

§  Prof. Dr. Morlock sowie weitere Personen

Am  13.1.2020 fand die erste Verhandlung vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe, Außenstelle Freiburg, zur Fehlerhaftigkeit der Durom-Metasul-LDH-Hüftprothese der Firma Zimmer Biomet statt. In erster Instanz hatte das Landgericht Freiburg die Fehlerhaftigkeit der Hüftprothese festgestellt und ausgeführt, dass der Hersteller zwingend notwendige Tests vor Markteinführung unterlassen hat, von der Gefahr des Metallabrieb für die Patienten gewusst hat oder hätte wissen müssen und die Prothese nicht hätte auf den Markt bringen dürfen. Das Gericht verurteilte Zimmer Biomet zur Zahlung von Schmerzensgeld und Schadensersatz in fünfstelliger Höhe. Dagegen hatten die Anwälte des Herstellers Widerspruch beim Oberlandesgericht eingelegt.

1. Fehlerhaftigkeit des Prothesenmodells

a.    Der Richter führt aus, dass es um die Feststellung gehe, ob die Prothese fehlerhaft sei oder ob Fertigungstoleranzen als Ursache in Betracht kommen. Zimmer Biomet habe jedoch Angaben zur Fertigungstoleranz nicht vorgelegt.

b.    Der Richter erkundigt sich bei RA Dr. Bellinghausen nach Möglichkeiten einer gütlichen Einigung. RA Dr. Bellinghausen sagt, dass eine solche nur in Frage komme, wenn sich das Loretto Krankenhaus daran beteilige. Das Loretto lehnt ab.

a.    Nach Auffassung des Richters ist die Menge des Abriebs unerheblich. Somit müsse auch nicht geklärt werden, ob erhöhter Abrieb oder Abrieb im üblichen Umfange entstanden sei. Unstrittig sei, dass Abrieb entstanden sei. Dies könne ausreichend für die Feststellung der Fehlerhaftigkeit der Prothese sein. Die festgestellten Metallwerte im Blut seien ein weiterer Grund für die Fehlerhaftigkeit der Prothese. Ebenso Gewebenekrosen und Metallose. Das Gericht sehe nicht, dass das, was da in den Körper implantiert wurde, unschädlich gewesen sei. Prof. Kretzer sagt aus, dass „bei der Summe der aufgeführten Beispiele davon auszugehen (sei), dass das Modell gesundeitsschädlich ist“. Prof. Mittelmeier führt aus, dass der lokale Schaden unstrittig sei. Unklar sei jedoch noch, welche generellen Gesundheitsschäden noch entstünden. „Wir wissen nicht, welchen Einfluss er (der Abrieb) auf beispielsweise die Nieren oder andere Ausscheidungsorgane haben wird“. Die Sachverständigen Kretzer und Mittelmeier stimmen in ihrer Einschätzung überein, dass der entstandene Abrieb höchstwahrscheinlich Ursache für die Gesundheitsprobleme ist. „Es gibt keine andere Erklärung“.

b.    RA Dr. Bellinghausen weist darauf hin, dass bei allen Prothesenmodellen Abrieb entsteht. Der müsse hingenommen werden. Der Richter betont, dass „man nichts akzeptieren (muss), was vermeidbar ist“.

c.  Prof. Kretzer sagt aus:“ Wir wussten, dass Korrosion entsteht, aber wir wussten nicht wie viel. Wenn man mit 7 kN zusammenfügt, entsteht relativ wenig Abrieb“. Er führt weiter aus, dass die Gleitpaarung mit einer Gleitflüssigkeit zwischen Pfanne und Kugelkopf getestet wurde. Getestet hat er nicht die Konusverbindung. Bei dieser Verbindung darf kein Abrieb entstehen. Bei den AFC Tests werde die Verbindung von oben belastet aber das entspricht nicht der Belastung der implantierten Prothese. Prof. Kretzer sagt: “Das System ist bis heute nicht im Detail geklärt. Die Tests spiegeln nicht wider, was man an den Explantaten sieht, was man in klinischen Tests feststellt“. Früher seien klinische Tests unüblich gewesen, wenn ein vergleichbares Modell bereits auf dem Markt gewesen sei. Es wird festgestellt, dass die Fügekraft wesentlich für ein Funktionieren der Prothese ist und es keine Instruktionsanleitung gab. Auf dem Markt gibt es von Fremdherstellern Fügeapparaturen für Gleitpaarungen, die anscheinend niemand benutzt. Zimmer bietet etwas Entsprechendes nicht an. Dr.-Ing. Klüß sieht einen Unterschied zwischen dynamischer und statischer Fügung; Arbeitsbedingungen im Labor, wo die Komponenten fixiert sind, kann man nicht mit einer OP vergleichen. Es wurde erwähnt dass es schon beim Einschlagen des Kopfadapters in den Kopf zu Verformungen des Innenkonus des Adapters kommen kann. Auf Nachfrage des Richters, ob es ein dem Durom-Metasul-LDH-Hüftprothesenmodell vergleichbares Modell zum Zeitpunkt seiner Markteinführung gegeben habe, antwortet Prof. Kretzer, dass nur der Großkopf und die Monoblockpfanne neu gewesen seien. Dr.-Ing. Klüß ergänzt, dass die Adapterlösung mit verschieden langen Konen, die Kürzung des Schaftkonus Neuerungen sind und es sich somit um ein neues Modell gehandelt habe. Dies gehe auch aus den Ankündigungen des Herstellers hervor. Prof. Kretzer räumt ein, dass „das System einen gewissen innovativen Charakter“ gehabt habe.

2. Korrosion als Ursache von Abrieb und dessen Folgen

a. Mehrfach wird die Arbeit von Dr. Windeler, ehem. Mitarbeiter von Zimmer in Winterthur, angeführt, nach welcher es keine galvanische Korrosion geben könne (Bellinghausen). Prof. Kretzer erklärt, dass es nach Beschädigung der Oxidschicht des Schaftkonus durchaus zu galvanischer Korrosion kommen könne. Der Sachverständige Klüß meint auch Spaltkorrosion gesehen zu haben Bei der Erklärung der Spaltkorrosion schaltet sich Zimmergutachter Prof. Dr. Mutschler ein, und erklärt, dass der Sauerstoff bei der Spaltkorrosion nicht aus der Luft, sondern aus dem Wasser stammt. Es entspannt sich ein längeres Fachgespräch, bei dem der größte Teil der Anwesenden nicht folgen kann und ratlos der Dinge harrt.

b. Dr.-Ing. Klüß führt aus, dass Korrosion den Verlust der Verbindungssicherheit bedinge. Nach der Risikobewertung des Herstellers Zimmer von 2003 komme es dadurch zu Metallabrieb, folglich zu Metallosen, die zur Re-Operation führen können. Prof. Kretzer: „Das Risiko war bekannt“.

c. Kretzer sagt aus, dass Abrieb bei Prothesen an den Gleitflächen normal sei. Der Organismus würde das normalerweise tolerieren. Beim Konusabrieb der Durom-Prothese sei dieser Abrieb jedoch aggressiver, so dass der Organismus diesen nicht mehr toleriert habe. Deshalb sei hier von geringeren Werten, die noch akzeptabel seien, auszugehen. Die festgestellten Abriebwerte seien nach seiner Einschätzung in der Regel eigentlich unproblematisch. Gleichwohl verhalten sie sich so aggressiv, dass es zu Gesundheitsschädigungen komme. Unklar sei auch das Zeitfenster, d.h. wann wie viel Abrieb entstehe. Bei Prothesen sei der Abrieb normalerweise in der Einlaufphase der Prothese am höchsten, lasse dann im Laufe der Zeit aber nach. Bei der Durom-Prothese wisse man nicht, wann wie viel Abrieb entstehe. Prof. Mittelmeier erläutert, dass bei der Großkopfprothese der Abrieb zu Beginn größer sei als bei der MoM-Kleinkopfprothese und es deshalb zu einer Metallbelastung der Umgebung komme, die der Organismus nicht mehr toleriere. Ob der Abrieb weniger wird und um wie viel er kleiner wird, wisse man nicht. Auf jeden Fall verhält sich dieser Abrieb im Körper wesentlich aggressiver, was die festgestellten Gesundheitsschäden erkläre.

d. Kretzer erläutert, dass die Metallionen Proteine angreifen, was negative Auswirkungen auf das Immunsystem habe. Der Konusverschleiß und die Folgen seien 2005 nicht bekannt gewesen. Der Vorsitzende Richter betont, dass Abrieb weitestgehend zu vermeiden sei. Prof. Kretzer stimmt mit dem Hinweis zu, dass aber die Frage sei, ab wann der Abrieb kritisch werde. Er fährt fort, dass der Abrieb nicht vermeidbar gewesen sei, aber bei ausreichender Fügekraft deutlich reduzierbar. Dadurch seien die Probleme nicht vollständig beherrschbar, aber weitestgehend vermeidbar gewesen.

e. Prof. Kretzer betont, dass er sich bei seinen Untersuchungen auf die Fügekräfte, nicht auf die Korrosion konzentriert habe. Er könne sagen, dass bei optimaler Schmierung auch eine Schlagkraft von 4 Kilonewton ausreiche, um eine ausreichende Fügekraft am Konus zu erreichen. Prof. Mittelmeier weist darauf, dass in der Praxis selten optimale Bedingungen vorzufinden seien. Prof. Böhler versucht den Zustand des Gelenkes nach der OP zu beschreiben und erklärt, dass genügend Flüssigkeit vorhanden ist um eine ausreichende Schmierung zu gewährleisten. Prof. Dr. Mittelmeier berichtet von Gelenkspunktionen bei denen es schwierig sei auch nur ansatzweise Gelenkflüssigkeit zu erhalten. Ferner gebe es beim Anlaufen eine hohe Haftreibung, die höher ist als die Gleitreibung beim Laufen. Durch die Anlaufhaftreibung erhöht sich die Kraft auf den Konus. Er führt weiter aus, dass verstärkte Reibung auch dadurch entstehe, dass die pressfit Pfanne mit Kraft in den Beckenknochen eingeschlagen wird. Dadurch könne es bei der Pfanne zu „Deformationen“ kommen, die dann bremsend auf den Kugelkopf einwirkten, was die Haftreibung und die Kraft auf den Konus weiter erhöhe. Dass Prof. Kretzer dies bei seinen Untersuchungen an der Pfanne nicht habe feststellen können, sage nichts aus, da es zu dynamischen Verformungen gekommen sein könne. Nach Ausbau der Pfanne könne diese dann wieder in ihren Ursprungszustand zurückgeführt worden sein. Prof. Dr. Kretzer gibt an, dass der revidierte Kopf eine ideale Kugel dargestellt habe, ohne Abriebspuren. Er hat bei drei untersuchten Köpfen und Pfannen keinen Verschleiß messen können. Dr. Rütschi spricht von 10% der implantierten Gleitpaarungen, bei denen nach Einbau  und bewegen des Gelenkes ein leichter Widerstand spürbar war. Prof. Dr. Mittelmeier hält eine Verformung der Pfanne für möglich.

Metallabrieb durch MoM-Hüftprothesen

Richtwerte

Die Diskussion in der Fachwelt, welche Grenzwerte bei Metall-auf-Metall Prothesen gelten sollen, dauert an. Je nach Auftraggeber und Interessenslagen kommen Gutachter und Ärzte zu unterschiedlichen Werten. Auch werden keine Grenzwerte genannt, sondern Richtwerte. Mehrheitlich eingependelt zu haben scheint sich nach der Limbach-Gruppe, einem Zusammenschluss von Labors in Deutschland, die Diskussion bei Hüftimplantaten auf folgende Richtwerte:

  • Kobalt im Blut < 7 µg/l
  • Chrom im Blut < 7 µg/l

Wann spricht man von erhöhten Chrom- und/oder Kobaltwerten?

Bei MoM Hüftprothesen ist ein leicht erhöhter Wert an Chrom- und Kobaltionen im Blut normal und nicht weiter Beunruhigend. Kritisch sind jedoch wesentlich erhöhte Werte. Die Mayo Klinik geht bei den Chromwerten davon aus, dass  “blood serum concentrations greater than 1 ng/mL in a patient with Cr-based implant” auf einen wesentlich erhöhten Metallabrieb hinweisen. Ferner wird davon ausgegangen, dass die Werte mit der Dauer der MoM-Prothese kontinuierlich ansteigen. Chrom ist ferner ein hoch giftiges Metall.

Hohe Kobaltwerte im Blut

Die Mayo Clinic Medical Laboratories berichten, dass Kobalt zwar “nicht hoch-giftig sei, aber dass hohe Dosen zu Gesundheitsschäden führen”. Von gesundheitsschädlichen Mengen spricht man wenn der Blutwert  an Kobalt größer oder gleich 5.0 ng/mL Blut ist. Kobaltwerte im  Blutserum von mehr als 10 ng/mL bei Patienten mit Kobaltprothesen  deuten auf erheblichen Metallabrieb bei der Prothese hin.

Interpretation der Werte

Labore, Forschungs- und Medienberichte zum Thema Metallionenabrieb verwenden oft unterschiedliche Maßangaben. Dieser Umstand verwirrt Betroffene und macht die Interpretation der eigenen Werte schwierig. Die gute Nachricht ist jedoch, dass die unterschiedlichen Maßeinheiten im Prinzip das gleiche beschreiben:

1 ppb (parts per billion) = 1 μg/l = 1 ng/ml

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Symptome einer möglichen Metallvergiftung

Bei den von der Selbsthilfegruppe bisher frei durchgeführten Umfragen bei betroffenen Patientinnen und Patienten nach ihren gesundheitlichen Einschränkungen, die sie auf den Metallabrieb von Chrom und Kobalt ihrer MoM Großkopfprothese zurück führen, wurden die folgenden Beschwerden genannt:

  • Metallose
  • Knochenkrebs
  • nekrotisches (abgestorbenes) Gewebe
  • Schwächung des Immunsystems
  • Entzündungen im Rachenraum
  • Hautausschläge
  • Kopfschmerzen
  • Gelenk- und Gliederschmerzen

In den Medien werden weitere mögliche Symptome genannt:

Bei Kobalt:

  • Magenprobleme
  • Neuropathologische Auswirkungen (Schädigung der Nerven)
  • Nierenversagen
  • erhöhtes Krebsrisiko
  • Veränderung der DNA
  • Leberschäden

Bei Chrom:

  • Schädigung der Niere
  • Bluthochdruck
  • Vitaminmangel
  • erhöhtes Krebsrisiko
  • Herzrhymthmusstörungen

Metallabrieb gesundheitsschädlich

Seit vielen Jahren weisen wir als Selbsthilfegruppe immer wieder darauf hin, dass Metallabrieb, der durch künstliche Gelenke verursacht wird, gesundheitsschädlich ist. Die Sendung “Visite” des NDR, die am Dienstag, 16. April 2019, um 20:15 Uhr ausgestrahlt wurde, bestätigt nun die von Metallabrieb im Körper ausgehende Gesundheitsgefahr für Patientinnen und Patienten mit einer Metall-auf-Metall Prothese.

Neben sogenannten TEPs (Totalendoprothesen), bei denen der Kopf des Oberschenkelhalsknochens entfernt wird und in die Öffnung ein Schaft getrieben wird, auf welchem die Pfanne dann aufsitzt, gibt es Hüftkappenprothesen, die den Oberschenkelhalsknochen wie eine Kappe überkronen. Bei diese Art von Prothese bleibt wesentlich mehr Knochensubstanz erhalten. Werden in beiden Fällen Prothesenmodelle verwendet, bei denen am Ende Metall auf Metall reibt, kann es zu gefährlichem Metallabrieb kommen, der den Knochen zerstört und zu nekrotischem Gewebe führt.

Die Selbsthilfegruppe Durom-Metasul-LDH-Hüftprothesen e.V. hat im laufe der Zeit Umfragen bei von einer Metall-auf-Metall Prothese Betroffenen durchgeführt. Ziel der Umfrage war es festzustellen, ob bei den Mitgliedern der Selbsthulfegruppe Durom-Metasul-LDH-Hüftprothesen e.V. bestimmte  Gesundheitsbeeinträchtigungen gehäuft genannt werden und ob diese in Zusammenhang mit der Implantation einer MoM (Metall-auf-Metall) Hüftprothese gebracht wird.

Der Rücklauf der versandten Fragbögen war erfreulich hoch und lag bei über 45%. Grundlage der Ergebnisse ist die Auswertung von einigen Hundert Rückmeldungen. Auch wenn die Befragungen nicht repräsentativ war geben sie doch einen Einblick in die Art von Gesundheitsstörungen bei den von einer Metall-auf-Metall Hüftprothese betroffenen Patientinnen und Patienten. Und die Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass es sich bei den von den Befragten genannten gesundheitlichen Beschwerden um keine Einzelphänomene handelt. Der Schluss liegt somit nahe, dass die fehlerhafte Durom-Metasul-LDH-Hüftprothese der Firma Zimmer Biomet als ursächlich für die Gesundheitsprobleme angenommen werden muss.

Unter anderem nannten die Befragten vor allem Erkältungen (Schwächung des Immunsystems), Entzündungen und Hautausschläge,  Muskel-/Gelenkschmerzen, Schlaf- und Konzentrationsstörungen und häufig auch Herzbeschwerden. In der NDR-Sendung wird nun auch öffentlich auf diese mögliche Folge der Metallvergiftung durch Abrieb von Prothesen hingewiesen.

Die NDR-Sendung zum Thema: hier klicken
Die Umfrageergebnisse der SHG: hier klicken

 

Schmerzensgeld in Deutschland

Schmerzensgeld kann von den Gerichten bei sogenannten “Immateriellen Schäden” in Form eines Geldbetrages dem Geschädigten zugesprochen werden. Im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) steht dazu unter § 253 “Immaterieller Schaden”

“(1) Wegen eines Schadens, der nicht Vermögensschaden ist, kann Entschädigung in Geld nur in den durch das Gesetz bestimmten Fällen gefordert werden.
(2) Ist wegen einer Verletzung des Körpers, der Gesundheit, der Freiheit oder der sexuellen Selbstbestimmung Schadensersatz zu leisten, kann auch wegen des Schadens, der nicht Vermögensschaden ist, eine billige Entschädigung in Geld gefordert werden.”

Zur Orientierung der Höhe von Schmerzensgeld wird in jedem Einzelfall ein Bezug zu den in sogenannten Schmerzensgeldtabellen beschriebenen Fällen und der Höhe des dort von Gerichten zugesprochenen Schmerzensgeld hergestellt. Die Höhe des Schmerzensgeld richtet sich also nach sogenannten “Schmerzensgeldtabellen” , zum Beispiel die

Die Gerichte bis hoch zum Bundesgerichtshof orientieren sich an diesen Tabellen. Die Tabellen wiederum orientieren sich an den von den Gerichten zugesprochenen Beträgen. Ein selbstreferentielles System, wodurch zumindest zum Teil erklärbar wird, warum die Beträge für Schmerzensgeld in Deutschland seit vielen Jahren auf einem niedrigem Niveau stagnieren. Für Patienten mit fehlerhaften Medizinprodukten wie beispielsweise einer nicht funktionierenden Hüftprothese ist das Hauptproblem, dass die in den Tabellen aufgelisteten Fälle in der Regel durch Unfälle oder Gewalteinwirkung verursacht wurden, die nicht vergleichbar sind mit den Folgen von fehlerhaften Medizinprodukten.

Erschwerend kommt hinzu, dass die genannten Schmerzenstabellen von Privatpersonen zusammengetragen werden, die unter Umständen nicht alle relevanten Entscheidungen berücksichtigen können und sich in der Regel auf eine medizinische Kurzbeschreibung der Fälle beschränken. Da aber in der Regel weder Schreiber noch Richter über einen medizinischen Hintergrund verfügen, fällt die Übertragung der Fälle häufig fehlerhaft aus. Völlig unberücksichtigt bleiben bei den Tabellen ferner sowohl außergerichtliche wie vor Gericht erzielte Vergleiche als auch eine inflationsbedingte Erhöhung und allgemeine Kostensteigerungen.

Die SHG fordert deshalb schon seit langem eine deutliche Erhöhung der zugesprochenen Schmerzendgeldbeträge scheitert jedoch immer wieder mit dem Hinweis, dass bei zu hohen Schadensgeldforderungen durch die Anwälte der Klage des Betroffenen in der Sache zwar statt gegeben werden könnte, in Bezug auf die Höhe des Schmerzensgeldes jedoch abgelehnt werden würde. Das heißt, die Prothese wird als fehlerhaft eingestuft, der Hersteller wird zur Rechenschaft gezogen, jedoch nur zu 10% des geforderten Schmerzensgeldes, weil die aktuellen Tabellen nicht mehr hergeben. Dann bleiben 90% der Kosten des Verfahrens beim Kläger, wenn ihm vielleicht EUR 30.000.- zugesprochen wurden er aber 300.000 EUR gefordert hatte.

Fallbeispiel: ein Patient mit einer fehlerhaften Durom-Großkopfprothese von Zimmer, der durch den von ihr verursachten Metallabrieb jahrelang Schmerzen erduldet hat bis dann Knochenkrebs, Metallose, nekrotisches Gewebe, eine Schwächung seines Immunsystems und psychische Beeinträchtigungen wie Depressionen diagnostiziert wurden, der deshalb seinen Beruf nicht mehr ausüben konnte und vorzeitig in Ruhestand gehen musste, der trotz Re-Operation weiterhin unter ständigen Schmerzen im Hüftbereich leidet, keine Wanderungen mehr machen kann, an manchen Tagen nicht einkaufen kann, ständig in physiotherapeutischer und Schmerzbehandlung  ist und der sich seit nunmehr mehr als 9 Jahren der psychischen Belastung einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit dem Hersteller aussetzt, der keine Gelegenheit auslässt ihn über seine Anwälte als Simulanten zu verunglimpfen, der an seiner gesundheitlichen Situation selber Schuld sei, der das immense finanzielle Risiko und die finanziellen Belastungen auf sich genommen hat, um Gerechtigkeit zu erfahren – soll der nach nunmehr fast 15 Jahren Schmerzen und gravierenden Einschränkungen seiner Lebensqualität, Änderung seiner Lebensplanungen mit etwa 30.000 EUR abgespeist werden?

Krebsrisiko durch Metallabrieb?

Das Deutsche Ärzteblatt berichtet am 4.4.2012 auf seiner Homepage über neue Erkenntnisse zur Einschätzung des Krebsrisikos durch von Metall auf Metall (MoM) Hüftprothesen verursachten Metallabrieb. Nach der Auswertung des englisch-walisischen Prothesenregisters (Britischen Ärzteblatt BMJ 2012) ergebe sich bisher kein erhöhtes Krebsrisiko, so der Biostatistiker Alison Smith von der Universität Bristol , der über 40.000 Fälle ausgewertet hat. Dass ein Krebsrisiko besteht, ob nun erhöht oder nicht, scheint jedoch unstrittig.

Das Problem liegt in den fehlenden wissenschaftlich fundierten und nachgewiesenen Grenzwerten, ab denen man von “erhöhtem Metallabrieb” sprechen kann. Eine kausalursächliche Festlegung von Grenzwerten würde ein kausales Untersuchungsdesign vorraussetzen. Erfoderlich wären hierfür eine Mindestanzahl an geclonten und medizinisch, biologisch, psychisch, etc. identischen Personen, welche jeweils unterschiedliche Blutwerte an Chrom oder Kobalt aufweisen. Also 1000 Probanten mit einen Chromwert von x, 1000 mit einem von x+1, 1000 mit einem Wert von x+2 etc. Dann müsste man feststellen, ab welchem Wert 100%, 90%, 80% etc. der Probanten an Krebs erkranken. Am Ende hätte man dann einen verbindlichen Grenzwert, ab welchem Metallabrieb zu Krebs führt. Und wenn man nun noch das gleiche Procedere mit Proben, die den Probanten aus dem unmittelbaren Operationsbereich entnommen wurden, durchführen würde, hätte man relativ gesicherte Grenzwerte. Dass dies unrealisitsch ist und in der medizinischen Praxis unüblich liegt auf der Hand. INteressant jedoch, dass Hersteller von Hüftprothesen immer wieder bei Gerichtsprozessen fordern, einen wissenschaftlich fundierten Grenzwert vorzulegen und nachzuweisen, dass ihr Prothesenmodell “erhöhten” Metallabrieb verursacht hat.

Man weiß jedoch, dass die metallenen Abriebpartikel nicht nur in unmittelbarer Umgebung der Hüftprothese zu finden sind. Über den Blutkreislauf gelangen sie in Knochenmark, Leber, Nieren und Blase. Nachgewiesen ist, dass Metalle im Körper die DNA von Lymphozyten schädigen. Eine krebserregende Wirkung kann deshalb nicht ausgeschlossen werden. Vermutlich ist gegenwärtig die Datenlage nicht ausreichend, um eine Wechselwirkung zwischen Metallabrieb und Krebs nachzuweisen. Und ausschließen, dass Krebs nach 10, 20 oder 30 Jahren wegen des Metallabriebs entsteht, kann niemand. Wäre es da nicht sinnvoller und verantwortlicher im Sinne der Vorsorge, davon auszugehen, dass Metallabrieb, egal in welcher Höhe, gesundheitsschädlich ist und deshalb die Inplantation von Medizinprodukten, die Metallabrieb verursachen, zu vermeiden ist. Wie viele Patienten sollen denn noch vergiftet werden, bis genügend Daten vorliegen, um einen solchen Zusammenhang nachweisen zu können und entsprechende Schlussfolgerungen zu ziehen? Für die heute Betroffenen  dürften die Erkenntnisse, so oder so, zu spät kommen.

Weitere Informationen:

http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/49745