Multimodale Schmerztherapie

Nach erfolgreicher Hüft-TEP fühlen sich Patienten wie neugeboren: die Schmerzen sind weg, die Beweglichkeit ist zurück, Sport und Spiel machen wieder Freude. Doch ganz anders sieht es aus, wenn die Hüft-TEP nicht erfolgreich war. Schmerzen beeinträchtigen weiterhin die Lebensqualität, schränken die Bewältigung des Alltags teilweise erheblich ein und machen jede Bewegung zur Qual. Orthopäden, Chirurgen oder Allgemeinärzte sind hier in der Regel keine Hilfe. Einerseits sehen oft mit Tunnelblick nur ihr Fachgebiet, andererseits sind sie bei Fragen der Schmerzbehandlung nicht genügend weitergebildet. Im besten Fall verschreiben sie Schmerzmittel. Doch sinnvoll wäre eine Schmerztherapie.

Schmerz ist eine komplexe subjektive Sinneswahrnehmung, die als akutes Geschehen den Charakter eines Warn- und Leitsignals aufweist und in der Intensität von unangenehm bis unerträglich reichen kann. Als chronischer Schmerz hat es den Charakter des Warnsignales verloren und wird heute als eigenständiges Krankheitsbild (Chronisches Schmerzsyndrom) gesehen und behandelt (Quelle)

Geschichte der Schmerzen

Schon im antiken Griechenland beschäftigten sich Ärzte und Heiler mit der Linderung von Schmerzen. Mit Hitze und Kälte und Säftemischungen wurden die Schmerzen bekämpft. Der Saft der Weiderinde wurde schon damals gegen Fieber und Schmerzen eingesetzt. Der Wirkstoff der Weiderinde ist heute als Salicylsäure bekannt.

Mit den ersten Bader und später Ärzten im Mittelalter, die Operationen am lebenden Menschen durchführten, wurde die Notwendigkeit, das Schmerzempfinden auszuschalten immer dringlicher.  1772 wurde Lachgas entdeckt, das zunächst für zahnärztliche Eingriffe verwendet wurde. was das Zähne ziehen wesentlich angenehmer machte. Morphin wurde erstmals 1804 von Friedrich Wilhelm Adam Sertürner  als Alkaloid des Opiums isoliert. Das aus dem Schlafmohn gewonnene Opium und auch die Pflanze selbst wurden schon lange zuvor verwendet. Schriftlich wurde die Herstellung von pharmazeutischen Produkten aus Schlafmohn erstmals um 4000 v. Chr. in Keilschriften erwähnt (Quelle)

Während des zweiten Weltkriegs und durch das Leiden der Soldaten entstanden in den 1940er Jahren in den USA die der ersten Schmerzkliniken. Als Begründer der modernen interdisziplinären Schmerztherapie gilt der 1994 verstorbene John J. Bonica. In Deutschland gibt es schmerztherapeutische Einrichtungen erst seit den 1970-er Jahren. Die erste Schmerzklinik wurde an der Universität Mainz unter Rudolf Frey und Hans Ulrich Gerbershagen eingerichtet. Die ersten beiden kassenärztlichen Schmerzpraxen wurden im Januar 1982 in Frankfurt am Main (Dres. Flöter) und Hamburg (Dres. Jungck) von Ärzten gegründet, die vorher als Chefärzte an ihren Abteilungen Schmerzambulanzen eingerichtet hatten (Quelle).

Akuter und chronischer Schmerz

Akuter Schmerz ist ein Warnsignal des Körpers. Schneidet man sich in den Finger oder fasst man auf eine heiße Herdplatte, führt das zu spontanen Reaktionen des Körpers, die das Ziel haben, die Ursache des Schmerzens zu beseitigen. Die Behandlung der Schmerz auslösenden Verletzung führt zur Besserung und zum Ende der Schmerzen. Akute Schmerzen lassen sich gut medikamentös behandeln. Bei Kopfschmerzen nimmt man eine Kopfschmerztablette, die den Kopfschmerz beendet.

Zusammengefasst kann man den akuten Schmerz wie folgt beschreiben:

  • er ist zeitlich und lokal im Körper begrenzt
  • er hat meist eine klare Ursache
  • er hat eine Alarmfunktion, um Gewebsschädigungen zu vermeiden
  • er ist abhängig von der Reizintensität
  • er klingt in der Regel von selbst ab, sobald die auslösende Ursache geheilt und beseitigt worden ist.

(Quelle)

Von chronischen Schmerzen spricht man, wenn Schmerzen länger als drei Monate bestehen und die Schmerzen weiter bestehen, obwohl die Behandlung der Verletzung oder Krankheit längst abgeschlossen ist. Immer wieder zitiert wird  beim Stichwort chronische Schmerzen der Phantomschmerz, den Patienten in dem Körperteil empfinden, das ihnen entfernt wurde. Bei langanhaltenden Hüftschmerzen nach einer Hüft-TEP kann sich der Schmerz im Schmerzgedächtnis abspeichern. Da Schmerzen subjektiv und individuell unterschiedlich empfunden werden, sollte bei chronischen Schmerzen auch die somatischenpsychischen und sozialen Ursachen des Schmerzempfindens im Blick des behandelnden Arztes sein. Bei chronischen Schmerzen handelt es sich um lang anhaltende und/oder immer wiederkehrende Schmerzen, die viele Ursachen haben können und oft nicht lokalisierbar sind.

Weiterführende Informationen zum Thema “Schmerzen”: hier klicken

Empfehlung der WHO

Die WHO empfiehlt zur medikamentösen Schmerztherapie ein Vorgehen in drei Stufen, das ursprünglich für die Schmerztherapie und palliative Behandlung bei Tumorleiden (Tumorschmerztherapie bzw. Krebsschmerztherapie bei Krebsschmerzen) entwickelt wurde. Beginnend mit dem Therapieschema der Stufe 1 kann bei unzureichender Wirksamkeit das Schema bis zur Stufe 3 gesteigert werden.

Stufe 1: Nicht-opioides Analgetikum, ggf. in
Kombination mit Adjuvanzien
Stufe 2: Schwaches Opioid, ggf. in Kombination
mit nicht-opioiden Analgetika und/oder Adjuvanzien
Stufe 3: Starkes Opioid, ggf. in Kombination
mit nicht-opioiden Analgetika und/oder Adjuvanzien

Bei Versagen medikamentöser Maßnahmen können auch invasive (z. B. chirurgische) Maßnahmen erfolgen, die in jüngeren Publikationen häufig als Stufe 4 angefügt werden:

Stufe 4: Invasive Techniken: Peridurale Injektion, Spinale Injektion,
periphere LokalanästhesieRückenmarkstimulation,
Ganglienblockade

Mittel der Stufe 1 sind etwa nichtsteroidale Antirheumatika (NSAID), Metamizol und Paracetamol, für Stufe 2 Tramadol und Tilidin, für Stufe 3 MorphinHydromorphonOxycodonFentanylBuprenorphinTapentadol und Methadon.

(Quelle)

Schmerztherapie

Bei einer Schmerztherapie werden alle therapeutischen Maßnahmen zusammengefasst, die das Ziel haben, den Schmerz zu minimieren. Chronische Schmerzen haben in der Regel ein ganzes Ursachenbündel. Eine guter Schmerztherapie basiert deshalb stets auf einem interdisziplinärer oder multimodaler Ansatz. Koordiniert werden die verschiedenen Fachärzte, Therapeuten und Pflegekräfte idealerweise von einem Facharzt für Schmerztherapie, der zwar von den entsprechenden Fachgesellschaften vehement gefordert wird, den es in Deutschland bisher jedoch noch nicht gibt.

Die Multimodale Schmerztherapie

Bei der Multimodalen Schmerztherapie arbeiten neben Medizinern, Physiotherapeuten, Psychotherapeuten, Entspannungstherapeuten auch Therapeuten aus den Bereichen Kunst-, Musik- und Biotherapie zusammen. Es ist offensichtlich, dass diese Vielzahl an Experten und Therapeuten eine kompetente und wissenschaftlich fundierte Leitung zur Koordination benötigt. Im Mittelpunkt aller Bemühungen steht der einzelne Patient, der als ganzheitlich und einmaliges Wesen gesehen wird und dessen Schmerzen und Schmerzursachen einmalig sind. Die Erstellung einer Schmerzanalyse, Diagnose und eines Therapieplanes ist eine zeitaufwendige und auf die einzelne Person ausgerichtete Herausforderung aller Beteiligten. Für Patienten eine gute Nachricht ist, dass die Schmerztherapie, wenn sie von einem Arzt verschrieben wird, von den Kassen übernommen werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Quelle)

Hilfreich kann sich auch die Hinzuziehung eine in Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) ausgebildeter Mediziner auswirken. Denn mit für Schulmediziner ungewöhnlichen Behandlungsmethoden wie Akkupunktur wurde im Wechselspiel mit der Klassischen Medizin erstaunliche Erfolge erzielt. Und als ultima ratio bleibt der neurochirurgische Eingriff, durch welchen die Schmerzbahn zwischen Rückenmark und Thalamus im Gehirn durchtrennt wird.

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Gesellschaften

Mehrere Gesellschaften und Verbände bemühen sich um die Erforschung und Therapie des Schmerzes:

Literatur
  • Thomas Flöter, Manfred Zimmermann (Hrsg.): Der multimorbide Schmerzpatient.Thieme, Stuttgart 2003, ISBN 3-13-133071-6.
  • Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (Hrsg.), Doris Schiemann: Expertenstandard Schmerzmanagement in der Pflege, Entwicklung – Konsentierung – Implementierung.Verlag Fachhochschule Osnabrück, Osnabrück 2005, ISBN 3-00-012743-7.
  • Susanne Holst, Ulrike Preußiger-Meiser: Erfolgreiche Schmerztherapie. Endlich wieder schmerzfrei leben. Neue Behandlungsmethoden und wirksame Medikamente gegen akute und chronische Schmerzen.Südwest, München 2004, ISBN 3-517-06727-X.
  • Uwe Junker, Thomas Nolte (Hrsg.): Grundlagen der Speziellen Schmerztherapie.Curriculum Spezielle Schmerztherapie der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie e. V. nach dem Kursbuch der Bundesärztekammer. Urban & Vogel, München 2005, ISBN 3-89935-218-1.
  • Stefan Jacobs, Ines Bosse-Düker: Verhaltenstherapeutische Hypnose bei chronischem Schmerz. Ein Kurzprogramm zur Behandlung chronischer Schmerzen(= Therapeutische Praxis. []). Hogrefe Verlag, Göttingen 2005, ISBN 3-8017-1732-1.
  • Franz-Josef Kuhlen: Historisches zum Thema Schmerz und Schmerztherapie.In: Pharmazie in unserer Zeit. Band 31, Nr. 1, 2002, S. 13–22.
  • Ministerium für Arbeit, Gesundheit, Familie und Sozialordnung Baden-Württemberg, Stuttgart und Landesärztekammer BW (Hrsg. 1994 ff.): Schmerztherapie für Tumorkranke. Ein Leitfaden. Gemeinsame Empf. der Tumorzentren, Kassenärztl. Vereinig., Landesärztekammer. Gesundheitspolitik 13., unveränderte Auflage.
  • Holger Thiel, Norbert Roewer: Anästhesiologische Pharmakotherapie. Allgemeine und spezielle Pharmakologie in Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie.Thieme, Stuttgart u. a. 2004, ISBN 3-13-138261-9.
  • Julia Thomass, Bertram Disselhoff, Thomas Flöter: Gut drauf mit TENS!M. I. Akupunktur Medizin Information, Gießen 2004, ISBN 3-927971-18-9.
  • Torsten Wieden, Hans-Bernd Sittig (Hrsg.): Leitfaden Schmerztherapie.Elsevier, Urban und Fischer, München u. a. 2005, ISBN 3-437-23170-7.
  • Michael Zenz, Michael Strumpf, Anne Willweber-Strumpf: Taschenbuch der Schmerztherapie. Bochumer Leitlinien zur Diagnostik und Therapie. Auflage. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2004, ISBN 3-8047-2046-3.
  • Eberhard KlaschikSchmerztherapie und Symptomkontrolle in der Palliativmedizin.In: Stein Husebø, Eberhard Klaschik (Hrsg.):  5. Auflage, Springer, Heidelberg 2009, ISBN 3-642-01548-4, S. 207–313.
  • Birgit Kröner-Herwig, Regine Klinger, Jule Fretlöh, Paul Nilges (Hrsg.):  Grundlagen – Diagnostik – Krankheitsbilder – Behandlung.7., vollständig aktualisierte und überarbeitete Auflage. Springer, Berlin 2011, ISBN 978-3-642-12782-3

 

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