Profitmaximierung bei Implantationen

In Deutschland werden jährlich etwa 250.000 Hüft-TEP Operationen durchgeführt. Für eine Operation werden den Krankenkassen EUR 7.626.- (Stand 2021) in Rechnung gestellt. Für die etwa 250.000 Hüft-TEP Operationen zahlöen die Kassen jedes Jahr etwa EUR 1, 6 Mrd EUR. Das sind bei 65 Mrd. EUR Gesundheitskosten etwa 2,5% nur für Hüft-Operationen (Quelle: SpringerMedizin ). Diesen Betrag teilen Krankenhäuser, Ärzte und Hersteller unter sich auf.

Automatisierung im OP auf Kosten der Sorgfalt

Je mehr Hüft-TEP Operationen Ärzte durchführen, umso mehr Erfahrung und Routine bekommen sie. Das ist zunächst gut. Denn die Abläufe vor, während und nach der Operation werden dadurch standardisiert, die OP-Teams sind routiniert und eingespielt. Doch die Gefahr besteht, dass vor lauter Routine der Patient nur noch als Nummer gesehen wird. Individuelle Besonderheiten können dabei leicht hinten runter fallen. Denn Menschen sind unterschiedlich, bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit in den OP. Sie sind keine identischen Werkstücke, die wie am Fließband zusammengeschraubt werden können. So wie das auf Massenproduktion ausgelegte Fertigungskonzept in der Autoindustrie durch FORD 1914.

Die immer höheren Stückzahlen führen bei den Kliniken wie in der Autoindustrie zu immer geringeren Kosten und somit zu höheren Gewinnen. Aber billiger für Patient und Krankenkasse wird das „Produkt Hüft-TEP“ dadurch nicht. Denn gegenüber den Krankenkassen wird auf der Grundlage von Fallpauschalen abgerechnet. Mehr Fälle bedeuten mehr abzurechnende Fallpauschalen für die Kliniken in kürzerer Zeit. Für die Kliniken bedeutet diese Entwicklung steigende Gewinne, für die Kassen  jedoch höhere Kosten. Früher oder später werden die Kassen deshalb höhere Beiträge von den Versicherten verlangen.

Weniger Sorgfalt bei Auswahl der Prothesenmodelle

Bei dem steigenden Operationsdruck bleibt den Operateuren immer weniger Zeit, sich über neue Entwicklungen bei Hüftprothesen sachkundig zu machen. Sie vertrauen deshalb oft den „Beratungen“ der Vertreter der Medizinproduktehersteller. Vor allem dann, wenn mit der Verwendung des neuen Prothesenmodells persönliche Vorteile verbunden sind. Gegenleistungen der Ärzte schließen ein, dass die OP-Erfahrungen an die Hersteller weitergegeben werden. Mit diesen Daten bekommen die Hersteller dann die Informationen, die sie vor Markteinführung nicht erhoben haben, weil sie aus Kostengründen auf  klinische Tests verzichtet haben.

Vertreter der Medizinprodukte im OP

Immer wieder soll es vorkommen, dass bei neuen Prothesenmodellen statt einer sorgfältigen Einarbeitung und Fortbildung der Chirurgen ein Vertreter des Herstellers im OP anwesend ist. Obwohl nicht immer ausgebildeter Arzt, zeigt er dem Chirurgen, wie die neue Prothese implantiert werden muss. Gerüchte halten sich seit Jahren, dass er auch schon mal selber zum Skalpell greift, um die richtige OP-Technik vorzumachen.

Keine Kontrolle durch Ärzte

Nach dem Versagen der Kontrolle der Medizinprodukte vor Markteinführung durch die Benannten Stellen, kann der Patient auch vom Arzt keine profunde Kontrolle seiner Prothese erwarten. Vielmehr wird der Patient auch zum kostenlosen Versuchskaninchen. Denn wenn die Zulassung keine Sicherheit bietet, wurde sie auch nicht ausreichend vor Markteinführung getestet. Da wir dem Patienten einfach mal eine neue Prothese eingebaut. Und alle sind gespannt, ob sie auch funktioniert. Geht es gut, hat der Patient Glück gehabt, geht es schief, hat er Pech gehabt. Und er kann sich darüberhinaus noch überlegen, ob er die Krabft hat, gegen Arztz und/oder Hersteller ein Gerichtsverfahren anzustrengen.

Der „blutige Patient“ in der ReHa

Nach Hüft-TEPs werden Patienten außerdem in immer kürzeren Zeitabständen nach der OP in die ReHa geschickt. Denn je schneller der Patient den OP wieder verlässt, je schneller sein stationärer Krankenhausaufenthalt beendet ist um so höher der Reingewinn pro „Fall“ für die Klinik, die von den Kassen pro Patienten mit einem pauschalen Geldbetrag entschädigt wird, egal wie lange der Patient im Krankenhaus betreut wird. Für Patienten bedeutet das, dass sie oft donnerstags als Pflegefall in der ReHa-Klinik ankommen und dort zunächst auf dem Zimmer liegen und von Angehörigen versorgt und vor allem ältere Patienten gepflegt werden müssen. Denn die Versorgung und Pflege bettlägeriger Patienten ist in der ReHa nicht vorgesehen.

Win-Win bei ReHa und Klinik

Patienten, die nicht in der Lage sind, am Alltag der ReHa-Klinik teilzunehmen, können auch keine Behandlungen in Anspruch nehmen. So bekommen sie die erste Zeit vorwiegend Vorträge in ihren Behandlungsplan geschrieben. Diese werden auch dann abgerechnet, wenn die Patienten nicht daran teilnehmen (können). Diese Tage sind für die ReHa-Klinik in der Regel wunderbare Tage optimaler Gewinne.

Kommentar

Es kann nicht angehen, dass  Wirtschaftlichkeitsbestrebungen der Kliniken, das Streben nach Gewinnmaximierung der Hersteller und finanzielle Interessen der Ärzte zu Lasten der Patienten gehen. Wir fordern deshalb,

  • dass das System der Fallpauschalen beendet wird,
  • dass das Gesundheitswesen als Teil der Daseinsvorsorge wieder in die Zuständigkeit und Verantwortlichkeit der Öffentlichkeit fällt,
  • dass das Gesundheitswesen nicht auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Konzerne überlassen wird,
  • dass von fehlerhaften Medizinprodukten oder Medikamenten betroffene Patienten aus einem gemeinsamen Fonds der drei zuvor Genannten entschädigt werden, wenn das „Experiment am lebenden Patienten“ nicht erfolgreich verläuft.

Der Fall der BIP Brustimplantate oder der fehlerhaften Durom-Metasul-LDH-Hüftprothesen der Firma Zimmer zeigt, wie rücksichtslos sich Hersteller ihrer Verantwortung entziehen und die Betroffenen mit den Ihnen zugefügten finanziellen und gesundheitlichen Schäden im Regen stehen lassen können.

 Hanspeter Hauke

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert