Profitmaximierung bei Implantationen

In Deutschland werden jährlich etwa 220.000 Hüft-TEP Operationen durchgeführt. Bei einer durchschnittlichen Kostenerstattung pro Operation in Höhe von EUR 7.626 durch die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) entspricht dies einem Finanzvolumen in Höhe von EUR 1, 6 Mrd. Bei 65 Mrd. EUR Gesamtkosten im Jahr 2012 für die stationäre Krankenhausversorgung entspricht dieser Betrag etwa 2,5% der anfallenden Kosten im Gesundheitsbereich (Quelle: SpringerMedizin ).

Mit Hüft-TEP Operationen wird also richtig Geld verdient. Dies scheint ein Teil der Erklärung zu sein, warum Hüft-TEP Operationen immer häufiger und immer öfter auch bei jüngeren Patienten durchgeführt werden.

Automatisierung im OP auf Kosten der Sorgfalt

Die hohe Anzahl an Hüft-TEP Operationen führt zur weiteren Standardisierung der Abläufe in den Kliniken vor, während und nach der Operation. Mit der Einführung der Fließbandproduktion in der Autoindustrie Anfang der 30-Jahre konnten durch die Automatisierung bei FORD immer mehr Autos in immer kürzerer Zeit immer billiger produziert werden. Im OP hat sich inzwischen bei Implantationen von Prothesen eine ähnlich effiziente Fließbandproduktion durchgesetzt. Das führt zwar zu immer höheren Stückzahlen zu immer geringeren Kosten für die Klinik, geht jedoch auf Kosten der Sorgfalt. Denn Menschen sind alle unterschiedlich, haben unterschiedliche Voraussetzungen und sind deshalb keine Werkstücke, die am Fließband zusammengeschraubt werden können. Jeder einzelne Patient hat das Recht auf individuelle Betreuung und so viel Zeit von Klinik und Operateur wie es die optimale Wiederherstellung seiner Gesundheit erfordert.

Weniger Sorgfalt bei Auswahl der Prothesenmodelle

Operateuren bleibt bei dem Operationsdruck auch immer weniger Zeit, sich über neue Entwicklungen bei Hüftprothesen wirklich sachkundig zu machen. Sie vertrauen den “Beratungen” der Vertreter der Medizinproduktehersteller mehr oder weniger blind. Vor allem dann, wenn durch die Nutzung der neuen Hüftprothese persönliche Vorteile verbunden sind. Und nicht selten soll es vorkommen, dass statt der sorgfältigen Einarbeitung und Fortbildung der Chirurgen in neue OP-Techniken mit neuen Hüftprothesen der Handelsvertreter des Herstellers im OP anwesend ist und dem Chirurgen zeigt, wie die neue Prothese am besten implantiert werden kann oder auch schon mal selber Hand anlegt.

Keine Kontrolle durch Ärzte

Nach dem Versagen der Kontrolle der Medizinprodukte vor Markteinführung durch die Benannten Stellen, kann der Patient auch vom Arzt keine profunde Kontrolle seiner Prothese erwarten. So wird der Patient zum kostenlosen Versuchskaninchen des Systems degradiert. Geht alles gut, hat er Glück gehabt, geht etwas schief, steht er allein gegen die Übermacht von Herstellern und Ärzten.

Der “blutige Patient” in der ReHa

Nach Hüft-TEPs werden Patienten außerdem in immer kürzeren Zeitabständen nach der OP in die ReHa geschickt. Denn je schneller der Patient den OP wieder verlässt, je schneller sein stationärer Krankenhausaufenthalt beendet ist um so höher der Reingewinn pro “Fall” für die Klinik, die von den Kassen pro Patienten mit einem pauschalen Geldbetrag entschädigt wird, egal wie lange der Patient im Krankenhaus betreut wird. Für Patienten bedeutet das, dass sie oft donnerstags als Pflegefall in der ReHa-Klinik ankommen und dort zunächst auf dem Zimmer liegen und von Angehörigen versorgt und vor allem ältere Patienten gepflegt werden müssen. Denn die Versorgung und Pflege bettlägeriger Patienten ist in der ReHa nicht vorgesehen.

Win-Win bei ReHa und Klinik

Patienten, die nicht in der Lage sind, am Alltag der ReHa-Klinik teilzunehmen, können auch keine Behandlungen in Anspruch nehmen. So bekommen sie die erste Zeit vorwiegend Vorträge in ihren Behandlungsplan geschrieben. Diese werden auch dann abgerechnet, wenn die Patienten nicht daran teilnehmen (können). Diese Tage sind für die ReHa-Klinik in der Regel wunderbare Tage optimaler Gewinne.

Kommentar

Es kann nicht angehen, dass  Wirtschaftlichkeitsbestrebungen der Kliniken, das Streben nach Gewinnmaximierung der Hersteller und finanzielle Interessen der Ärzte zu Lasten der Patienten gehen. Wir fordern deshalb,

  • dass das System der Fallpauschalen beendet wird,
  • dass das Gesundheitswesen als Teil der Daseinsvorsorge wieder in die Zuständigkeit und Verantwortlichkeit der Öffentlichkeit fällt,
  • dass das Gesundheitswesen nicht auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Konzerne überlassen wird,
  • dass von fehlerhaften Medizinprodukten oder Medikamenten betroffene Patienten aus einem gemeinsamen Fonds der drei zuvor Genannten entschädigt werden, wenn das “Experiment am lebenden Patienten” nicht erfolgreich verläuft.

Der Fall der BIP Brustimplantate oder der fehlerhaften Durom-Metasul-LDH-Hüftprothesen der Firma Zimmer zeigt, wie rücksichtslos sich Hersteller ihrer Verantwortung entziehen und die Betroffenen mit den Ihnen zugefügten finanziellen und gesundheitlichen Schäden im Regen stehen lassen können.

 Hanspeter Hauke

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